Stiftung LEBENSNERV,
FORUM PSYCHOSOMATIK 1/05



2. Finden sich bei MS-Patienten Veränderungen in den Stressregulationssystemen der HPA (Hypothalamo Pituitary Adrenal) -Achse, dem sympathischen Nervensystem und dem prolaktinergen System?



HPA-ACHSE

Nachdem Voruntersuchungen widersprüchliche Befunde zu Veränderungen von Hormonen der HPA-Achse gezeigt hatten, finden sich im Dex-CRH-Test konsistent auffällige Befunde in der Literatur. Wesentliche Aspekte dieser Auffälligkeiten wurden bislang nicht oder nur im Ansatz untersucht:
 Korrelation mit Verlaufsform der Erkrankung, die möglicherweise
 verschiedenen pathophysiologischen Mechanismen und damit auch verschiedenen endokrinen Dysregulationen unterliegt.
 Korrelation mit dem Vorliegen kognitiver Defizite mit der Hypothese, dass
 kognitive Defizite am ehesten einen klinischen Indikator für das Gesamtausmaß an Läsion der ZNS darstellen.
 Korrelation mit dem Vorliegen einer Fatigue-Symptomatik unter der Vorstellung, dass insbesondere eine Hyporeaktivität von endokrinen Stresssystemen Ursache des bislang pathophysiologisch ungeklärten Fatigue darstellen könnten.
 Prognostische Bedeutung der HPA-Dysregulation für den weiteren Erkrankungsverlauf.

HYPOTHESE:
Unter der Annahme, dass eine HPA-Dysregulation eher eine sekundäre Folge des Krankheitsprozesses darstellt, wird eine Korrelation der verminderten negativen Rückkopplung im Dex-CRH-Test zur Erkrankungsdauer und Ausmaß der Beeinträchtigung und insbesondere zu kognitiven Störungen postuliert.

SYMPATIKUS
Tierexperimentell können Betamimetika die EAE unterdrücken. Bei MS-Patienten sind Effekte von Betasympathomimetika in vitro sowie in vivo auf einzelne Zellpopulationen und Zytokine beschrieben. Möglicherweise induzieren sie einen TH-1/TH-2 Shift. Den Einfluss eines oral verabreichten Betasympathomimetikums auf das Zytokinprofil bei MS weiter zu differenzieren, war Hintergrund der Untersuchungen zur Dysregulation im sympathischen Nervensystem.

HYPOTHESE:
Betasympathomimetika führen nach einmaliger Gabe zu einer TH-2 Immundeviation bei MS-Patienten, die deutlicher ausfällt als bei Gesunden.

PROLAKTIN
Prolaktin gilt als Immunmodulator und Stresshormon. Voruntersuchungen haben eine mögliche Assoziation erhöhter Prolaktinspiegel zu bestimmten MS-Verlaufsformen sowie die Wirksamkeit eines Prolaktinantagonisten bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen gezeigt. Die bisher erhobenen Befunde bei MS sind jedoch widersprüchlich. Da feine Regulationsstörungen im endokrinen System oft nur durch funktionelle Tests zu detektieren sind, wurden erstmals funktionelle Tests zur Stimulation und Hemmung der Prolaktinsekretion mit der Frage einer Dysregulation im Vergleich zu Gesunden durchgeführt.

HYPOTHESE:
MS-Patienten zeigen einen erhöhte Stimulierbarkeit bzw. verminderte Hemmbarkeit des prolaktinergen Systems.

Zusammenfassung
Ziel der vorgelegten Untersuchungen war es, die Hypothese von veränderten Stressregulationssystemen bei MS zu überprüfen. Dazu wurden einerseits stressexperimentelle (psychische, kognitive, körperliche Kurzzeitbelastung) Paradigmen eingesetzt als auch neuroendokrine Funktionstests. Folgende Befunde konnten erhoben werden:
Bei den Untersuchungen zur Zytokinproduktion fand sich generell eine verminderte Stimulierbarkeit bei MS-Patienten, die nicht therapiebedingt erklärt werden konnte. Dabei bezog sich die Hyporesponsivität nicht allein auf inflammatorische Zytokine.
Diese Regulation lässt sich auch nach Applikation eines Betamimetikums nachweisen: MS-Patienten zeigen auch hier eine verminderte Stimulierbarkeit der Zytokinproduktion von IL-10 und IL-12 nach Terbutalingabe.
Erste Befunde deuten darauf hin, dass sich durch ein Fitnesstraining diese Verönderungen normalisieren lassen. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, ob es sich um ätiopathogenetisch bedeutsame Veränderungen oder ein Sekundärphänomen handelt.
Darüber hinaus konnte erstmals gezeigt werden, dass durch körperliche Belastung bei MS neurotrophe Faktoren induziert werden und koordinative Funktionen sich verbessern.
In den Stressexperimenten zeigten sich im Wesentlichen unveränderte endokrine Antworten im sympathischen Nervensystem, der HPA-Achse und im Endorphinsystem. Auf der Ebene der neuroendokrinen Funktionstests konnten die vorliegenden Daten zur gestärten hypothalamischen Rückkopplung im HPA-System erweitert werden.
Es zeigte sich eine deutliche Korrelation pathologischer Dex-CRH Tests mit dem Vorliegen kognitiver Defizite. Dies könnte ein Hinweis auf die Pathogenese der HPA-Störung bei MS sein. Möglicherweise kommt hier dem Hippokampus als Modulator der HPA-Aktivität und hoch stresssensitiver kognitiver Region eine Schlüsselrolle zu. Auch wenn diese Regulationsstörung eher sekundär im Krankheitsprozess aufzutreten scheint, hat sie aber möglicherweise eine prognostische Bedeutung.
Insgesamt lassen sich somit Veränderungen der Stressregulationssysteme bei MS nachweisen. Ein ungünstiger Einfluss von kurzzeitigen Stressoren auf den Erkrankungsverlauf lässt sich jedoch nicht daraus ableiten. Im Gegenteil, die Untersuchungen zur körperlichen Belastung sprechen eher für eine mögliche therapeutische Bedeutung. Möglicherweise haben Dysregulationen der HPA-Achse und des Sympathikus prognostische Bedeutung.






Kontakt/Literatur
Dr. Christoph Heesen
Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf
Klinik und Poliklinik für Neurologie
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Telefon:(0 40)42 803-4719/2794
Telefax:(0 40)42 803-5086/6973
Heesen@uke.uni-hamburg.de




*Es handelt sich bei diesem Text um einen kurzen Auszug ohne Literaturangaben aus der Habilitationsschrift von Dr. Christoph Heesen. In der Regel übertragen wir alle Fachbegriffe ins Deutsche, dies war bei diesem komplexen Thema nicht möglich, da es den Rahmen dieses Artikels gesprengt hätte; d. Red

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