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LEBENSNERV – Stiftung zur Förderung der
psychosomatischen MS - Forschung

Materialien zu „Peer-Counseling“

(Stand: 24. Februar 2003)



Zusammengestellt und bearbeitet von:

Dr. Sigrid Arnade

H.- Günter Heiden M.A.

Dipl.-Psych. Klaus Heutmann





Inhalt

Vorbemerkung

1. Allgemeine Informationen zum Peer Counseling

Definition des Peer-Counseling

Betroffene beraten Betroffene

Peer Counseling – was ist das?

Die Methode des Peer Counseling

Peer Counseling und Psychotherapie


2. Peer Counseling und Stiftung LEBENSNERV

Projektskizze

BZSL-Vorschlag für Fortbildungsinhalte


3. Existierende Curricula

Peer CounselorIn/ISL

Tourismusberatung


4. Literatur zum Peer Counseling

5. Adressen/Homepages





Vorbemerkung

Diese Materialsammlung wurde ursprünglich zur Vorbereitung auf den Curriculum-Workshop der Stiftung LEBENSNERV vom 14. – 16. März 2003 in Erkner erstellt. Dazu gleich eine erste Klärung: Der Begriff „Curriculum“ kommt aus dem Lateinischen von currere = eilen, laufen, rennen. Manchen ist vielleicht noch der etwas veraltete Begriff „Curriculum vitae“ für „Lebenslauf“ bekannt. In unserem Zusammenhang geht es um den Verlauf des Lehrens und Lernens. In der angloamerikanischen Pädagogik wurde der Begriff „Curriculum“ 1967 von Saul B. Robinson eingeführt. Damit sind die Unterrichtsziele und ihre Beschreibung, aber auch die Unterrichtsorganisation und die Methoden gemeint, mit denen die Bildungsziele in den einzelnen Fächern bestimmt werden sollen. Es geht also um den „Verlauf“ einer Ausbildung oder Weiterbildung.

Die vorliegende Materialsammlung stellt zunächst einmal dar, was derzeit unter „Peer Counseling“ verstanden wird. Dabei kann es in diesem Teil zu einigen Doppelungen kommen, dies ist aber gewollt. Im zweiten Teil wird der Ansatz der Stiftung LEBENSNERV vorgestellt sowie ein Vorschlag für die Inhalte einer Weiterbildung von MitarbeiterInnen des Berliner Zentrums für selbstbestimmtes Leben (BZSL).

Im dritten Teil werden bereits bestehende Peer Counseling-Curricula vorgestellt und abschließend wird viertens auf Literatur, Adressen und Homepages hingewiesen.


Berlin, den 24. Februar 2003


Stiftung LEBENSNERV


1. Allgemeine Informationen zum Peer Counseling

Definitionen des Peer Counseling

"Peer Counseling ist eine emanzipatorische Beratungsmethode, die sich immer an den Bedürfnissen und Erfordernissen der jeweiligen Ratsuchenden orientieren muß. Das bedeutet, daß wir ihre psychosoziale Situation in unsere Arbeit einbeziehen müssen, um Lösungswege zu entwickeln, die den persönlichen Kompetenzen der Ratsuchenden angemessen sind und nicht zur Überforderung oder Fremdbestimmung führen. Unsere Beratung sollte sie dazu befähigen, sich besser aus Versorgungsstrukturen von Familie und Fürsorge lösen zu können, um mehr Selbstbestimmung und Kompetenz für die Bewältigung ihres Alltags zu entwickeln. Darüber hinaus sollte unsere Beratung ganzheitlich orientiert sein, so daß die vielfältigen Unterstützungsangebote wirkungsvoller ineinander greifen können. (...)

Wir sollten uns immer darüber bewußt sein, daß wir als behinderte BeraterInnen positive Rollenvorbilder für die Ratsuchenden sind. Gerade dieser Aspekt des Peer Counseling kann einen intensiveren Austausch ermöglichen, denn durch unsere eigenen behinderungsbedingten Erfahrungen haben wir oft ein besseres, einfühlendes Verständnis für die Situation der Ratsuchenden."

Tobias Reinarz / Friedhelm Ochel; ZsL Köln

"Peer counseling" ist die Anwendung von Problemlösungs-Techniken und aktivem Zuhören, um Menschen, die "gleichartig" ("peers") sind, Hilfestellung zu geben."

Bill und Vicki Bruckner, San Francisco

"Im Zusammenhang mit diesem Trainings-Programm (des Independent Living Resource Centers. Anm. M.R.) ist ein Peer Counselor, wer seine Behinderung anerkennt und auf dieser Basis Beratung mit anderen Behinderten durchführt. Das Anerkennen der eigenen Behinderung bedeutet unter anderem, ein ausgeprägtes Bewußtsein der gesamten Bandbreite möglicher Gefühle zu besitzen, die Jeder/jede von uns als BehinderteR erfahren kann.

Die dem Peer Counseling zugrunde liegende Annahme ist, daß jeder/jede, so er/sie die Gelegenheit dazu bekommt, die meisten seiner eigenen Probleme des täglichen Lebens selbst lösen kann. Es ist also nicht die Aufgabe eines Peer Counselors, die Probleme eines anderen zu lösen, sondern lediglich dem anderen zu helfen, selbstständig entsprechende Lösungen zu finden. Peer Counselors sagen weder, was jemand "tun sollte", noch geben sie Ratschläge. Stattdessen hilft ein Peer Counselor, Lösungen zu finden, indem er zuhört, von eigenen Erfahrungen berichtet, gemeinsam mit dem zu Beratenden Möglichkeiten und Ressourcen zu erforschen, um ihm schlicht eine Unterstützung zu geben."

Independent Living Resource Centers, San Francisco

"Peer Counseling is a necessary adjunct to the rehabilitation process in which a severly disabled person who has made a successful transition from institutional to independent community living provides resource information, support, understanding, and direction to another disabled person who desires to make a similar transition."

Marsha Saxton, Boston

"Das Peer Counseling als Beratung von Behinderten für Behinderte wird als pädagogische Methode der Independent-Living-Bewegung bezeichnet. Auf der politischen Ebene ist die Durchsetzung und Schaffung einer Vielzahl von Möglichkeiten Voraussetzung für Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Auf der individuellen Ebene hat das Peer Counseling den Sinn, das Treffen von Entscheidungen, die Auswahl aus den verschiedenen Möglichkeiten zu unterstützen und zu begleiten (soweit diese Möglichkeiten vorhanden sind; wenn sie nicht vorhanden sind, bietet das wiederum den Einstieg in die politische Arbeit). Dabei stehen im Peer Counseling nicht die Defizite aufgrund der Behinderung, sondern unsere Fähigkeiten im Vordergrund. Nicht ein isoliertes Problem muß Thema der Beratung sein, Bezug genommen werden kann auf die Person und die Lebenssituation als Gesamtheit. Ziel der Unterstützung im Peer Counseling ist, Ratsuchenden die Fähigkeit zu vermitteln, eigene Probleme und Schwierigkeiten selbst lösen zu können. In den USA wird das mit dem Begriff "Empowerment" bezeichnet und kann, nicht ganz so treffend, mit "Ermächtigung" übersetzt werden."

Matthias Rösch, ZsL Mainz

"Die amerikanische "Independent Living"-Bewegung hat diese beiden Momente, Beratung und Organisation zur individuellen Lebensveränderung und globales politisches Engagement zusammengebracht und die Erfahrung zeigt, daß diese Mischung hochexplosiv sein kann."

Horst Frehe, Bremen

Betroffene beraten Betroffene – ein richtungsweisendes Konzept

(erarbeitet von Sigrid Arnade für die REHA, Düsseldorf 1989)

In der Bundesrepublik besteht ein ungedeckter Beratungsbedarf für behinderte Menschen.

Was ist Beratung?

Bei Beratung geht es nicht darum, gute Ratschläge oder Patentrezepte zu geben, sondern gemeinsam den geeigneten Weg für den/die Ratsuchende/n zu suchen, der für jede/n einzelne/n unterschiedlich sein kann.

Wen beraten betroffene BeraterInnen?

Sie beraten Menschen, die durch Unfall oder Krankheit mit einer Behinderung konfrontiert wurden. Außerdem beraten sie Betroffene und auch deren Angehörige und FreundInnen in Lebenskrisen aller Art, beispielsweise bei Eheproblemen, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz.

Um welche Beratungsinhalte geht es?

Betroffene BeraterInnen eignen sich für die Beratung bei persönlichen und zwischenmenschlichen Problemen. Für spezielle Fragen, zum Beispiel nach Hilfsmitteln oder rechtlichen Möglichkeiten verweisen sie an entsprechende Fachleute.

Die besonderen Kompetenzen betroffener BeraterInnen