Diese Materialsammlung wurde ursprünglich zur Vorbereitung auf den Curriculum-Workshop der Stiftung LEBENSNERV vom 14. – 16. März 2003 in Erkner erstellt. Dazu gleich eine erste Klärung: Der Begriff „Curriculum“ kommt aus dem Lateinischen von currere = eilen, laufen, rennen. Manchen ist vielleicht noch der etwas veraltete Begriff „Curriculum vitae“ für „Lebenslauf“ bekannt. In unserem Zusammenhang geht es um den Verlauf des Lehrens und Lernens. In der angloamerikanischen Pädagogik wurde der Begriff „Curriculum“ 1967 von Saul B. Robinson eingeführt. Damit sind die Unterrichtsziele und ihre Beschreibung, aber auch die Unterrichtsorganisation und die Methoden gemeint, mit denen die Bildungsziele in den einzelnen Fächern bestimmt werden sollen. Es geht also um den „Verlauf“ einer Ausbildung oder Weiterbildung.
Die vorliegende Materialsammlung stellt zunächst einmal dar, was derzeit unter „Peer Counseling“ verstanden wird. Dabei kann es in diesem Teil zu einigen Doppelungen kommen, dies ist aber gewollt. Im zweiten Teil wird der Ansatz der Stiftung LEBENSNERV vorgestellt sowie ein Vorschlag für die Inhalte einer Weiterbildung von MitarbeiterInnen des Berliner Zentrums für selbstbestimmtes Leben (BZSL).
Im dritten Teil werden bereits bestehende Peer Counseling-Curricula vorgestellt und abschließend wird viertens auf Literatur, Adressen und Homepages hingewiesen.
"Peer Counseling ist eine emanzipatorische Beratungsmethode, die sich immer an den Bedürfnissen und Erfordernissen der jeweiligen Ratsuchenden orientieren muß. Das bedeutet, daß wir ihre psychosoziale Situation in unsere Arbeit einbeziehen müssen, um Lösungswege zu entwickeln, die den persönlichen Kompetenzen der Ratsuchenden angemessen sind und nicht zur Überforderung oder Fremdbestimmung führen. Unsere Beratung sollte sie dazu befähigen, sich besser aus Versorgungsstrukturen von Familie und Fürsorge lösen zu können, um mehr Selbstbestimmung und Kompetenz für die Bewältigung ihres Alltags zu entwickeln. Darüber hinaus sollte unsere Beratung ganzheitlich orientiert sein, so daß die vielfältigen Unterstützungsangebote wirkungsvoller ineinander greifen können. (...)
Wir sollten uns immer darüber bewußt sein, daß wir als behinderte BeraterInnen positive Rollenvorbilder für die Ratsuchenden sind. Gerade dieser Aspekt des Peer Counseling kann einen intensiveren Austausch ermöglichen, denn durch unsere eigenen behinderungsbedingten Erfahrungen haben wir oft ein besseres, einfühlendes Verständnis für die Situation der Ratsuchenden."
Tobias Reinarz / Friedhelm Ochel; ZsL Köln
"Peer counseling" ist die Anwendung von Problemlösungs-Techniken und aktivem Zuhören, um Menschen, die "gleichartig" ("peers") sind, Hilfestellung zu geben."
Bill und Vicki Bruckner, San Francisco
"Im Zusammenhang mit diesem Trainings-Programm (des Independent Living Resource Centers. Anm. M.R.) ist ein Peer Counselor, wer seine Behinderung anerkennt und auf dieser Basis Beratung mit anderen Behinderten durchführt. Das Anerkennen der eigenen Behinderung bedeutet unter anderem, ein ausgeprägtes Bewußtsein der gesamten Bandbreite möglicher Gefühle zu besitzen, die Jeder/jede von uns als BehinderteR erfahren kann.
Die dem Peer Counseling zugrunde liegende Annahme ist, daß jeder/jede, so er/sie die Gelegenheit dazu bekommt, die meisten seiner eigenen Probleme des täglichen Lebens selbst lösen kann. Es ist also nicht die Aufgabe eines Peer Counselors, die Probleme eines anderen zu lösen, sondern lediglich dem anderen zu helfen, selbstständig entsprechende Lösungen zu finden. Peer Counselors sagen weder, was jemand "tun sollte", noch geben sie Ratschläge. Stattdessen hilft ein Peer Counselor, Lösungen zu finden, indem er zuhört, von eigenen Erfahrungen berichtet, gemeinsam mit dem zu Beratenden Möglichkeiten und Ressourcen zu erforschen, um ihm schlicht eine Unterstützung zu geben."
Independent Living Resource Centers, San Francisco
"Peer Counseling is a necessary adjunct to the rehabilitation process in which a severly disabled person who has made a successful transition from institutional to independent community living provides resource information, support, understanding, and direction to another disabled person who desires to make a similar transition."
Marsha Saxton, Boston
"Das Peer Counseling als Beratung von Behinderten für Behinderte wird als pädagogische Methode der Independent-Living-Bewegung bezeichnet. Auf der politischen Ebene ist die Durchsetzung und Schaffung einer Vielzahl von Möglichkeiten Voraussetzung für Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Auf der individuellen Ebene hat das Peer Counseling den Sinn, das Treffen von Entscheidungen, die Auswahl aus den verschiedenen Möglichkeiten zu unterstützen und zu begleiten (soweit diese Möglichkeiten vorhanden sind; wenn sie nicht vorhanden sind, bietet das wiederum den Einstieg in die politische Arbeit). Dabei stehen im Peer Counseling nicht die Defizite aufgrund der Behinderung, sondern unsere Fähigkeiten im Vordergrund. Nicht ein isoliertes Problem muß Thema der Beratung sein, Bezug genommen werden kann auf die Person und die Lebenssituation als Gesamtheit. Ziel der Unterstützung im Peer Counseling ist, Ratsuchenden die Fähigkeit zu vermitteln, eigene Probleme und Schwierigkeiten selbst lösen zu können. In den USA wird das mit dem Begriff "Empowerment" bezeichnet und kann, nicht ganz so treffend, mit "Ermächtigung" übersetzt werden."
Matthias Rösch, ZsL Mainz
"Die amerikanische "Independent Living"-Bewegung hat diese beiden Momente, Beratung und Organisation zur individuellen Lebensveränderung und globales politisches Engagement zusammengebracht und die Erfahrung zeigt, daß diese Mischung hochexplosiv sein kann."
Horst Frehe, Bremen
(erarbeitet von Sigrid Arnade für die REHA, Düsseldorf 1989)
In der Bundesrepublik besteht ein ungedeckter Beratungsbedarf für behinderte Menschen.Bei Beratung geht es nicht darum, gute Ratschläge oder Patentrezepte zu geben, sondern gemeinsam den geeigneten Weg für den/die Ratsuchende/n zu suchen, der für jede/n einzelne/n unterschiedlich sein kann.
Wen beraten betroffene BeraterInnen?Sie beraten Menschen, die durch Unfall oder Krankheit mit einer Behinderung konfrontiert wurden. Außerdem beraten sie Betroffene und auch deren Angehörige und FreundInnen in Lebenskrisen aller Art, beispielsweise bei Eheproblemen, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz.
Um welche Beratungsinhalte geht es?Betroffene BeraterInnen eignen sich für die Beratung bei persönlichen und zwischenmenschlichen Problemen. Für spezielle Fragen, zum Beispiel nach Hilfsmitteln oder rechtlichen Möglichkeiten verweisen sie an entsprechende Fachleute.
Die besonderen Kompetenzen betroffener BeraterInnen| der/die Ratsuchende | hat mehr Vertrauen; |
| fühlt sich verstanden; nimmt den/die BeraterIn ernst; hält den/die BeraterIn für glaubwürdig. |
Betroffene BeraterInnen überfordern sich oftmals, erkennen ihre Grenzen nicht und haben keine Abgrenzungsmöglichkeiten. Deshalb ist es notwendig, betroffene BeraterInnen zu schulen. Selbsterfahrungsanteile sollten in den vorbereitenden Schulungen breiten Raum einnehmen. Begleitend zur Beratungstätigkeit sind Supervisionen (Fachberatung durch PsychotherapeutInnen) unabdingbar.
Die Vorteile der Beratung durch betroffene BeraterInnenPeer Counseling wird unter anderem als die pädagogische Methode der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung bezeichnet. Dahinter verbirgt sich die Erfahrung aus sogenannten Selbsthilfegruppen. In solchen Selbsthilfegruppen finden sich Personen, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind - in diesem Fall behinderte Menschen. Sie unterstützen sich gegenseitig und tauschen ihre Erfahrungen aus. Wie auch in anderen Gruppen (z. B. Frauen, Alkoholiker, etc.) führt dies zu der bewußteren Erfahrung der eigenen Identität.
Die Solidarität in Gruppen wie diesen, mit gleichgesinnten Personen, die einen ähnlichen Erfahrungshintergrund im Sinne von Diskriminierung aufgrund der eigenen Behinderung haben, führte, zusammen mit der Auseinandersetzung mit alltäglichen Schwierigkeiten der Betroffenen zu einem verstärkten Engagement in diesem Bereich. Am Beispiel der USA zeigt sich, daß ein gesellschaftliches Umdenken nicht zuletzt durch ein beispielgebendes Behindertengleichstellungsgesetz stattgefunden hat, das die Wahrung der Bürgerrechte für behinderte Menschen nachhaltig unterstützt hat.
Peer Counseling ist das Anwenden von aktivem Zuhören sowie anderen problemlösenden Techniken, um jeweils gleichartig Betroffene ("peers") zu beraten.
Peer Counseling beruht teilweise auf der Theorie der "klientenzentrierten Gesprächstherapie", die von Carl Rogers in den 60er Jahren entwickelt worden war.
Peer Counseling ist eine aktivierende Beratungstechnik des Redens und des Zuhörens, die es SprecherInnen erlaubt zu reden und ZuhörerInnen wirklich zuzuhören. Die SeminarteilnehmerInnen erhalten vielerlei Möglichkeiten zu diskutieren und Fragen zu Theorie und Praxis zu stellen. Sie haben die Gelegenheit, die Techniken, die sie gelernt haben, mit den anderen TeilnehmerInnen praktisch anzuwenden.
Es ist nicht die Aufgabe eines Peer Counselors, die Probleme eines anderen zu lösen, sondern lediglich dem anderen zu helfen, selbständig entsprechende Lösungen zu finden. Peer Counselors sagen weder, was jemand "tun sollte", noch geben sie Ratschläge, sondern fördern gleichartige Personen darin, Problemlösungen zu entdecken, und zwar durch Zuhören, Erfahrungsaustausch und das Herausfinden von Handlungsmöglichkeiten.
"Gleichartig" heißt, daß es sich dabei um Menschen handelt, die gleichartige Lebenserfahrungen teilen. Zum Beispiel sind zwei Menschen, die dem gleichen Geschlecht angehören, gleichartig. Oder zwei Studenten. Ebenso zwei behinderte Menschen.
Peer Counseling bei behinderten Menschen ist daher eine Beratung, die von einer behinderten Person für eine behinderte Person zur Verfügung gestellt wird. Die Beratung wird dadurch erleichtert, daß der oder die Berater/in selbst behindert ist, woraus sich eine größere Vertrauensbasis entwickeln kann, grundlegende Gegebenheiten, die mit der Behinderung zusammenhängen nicht großartig erklärt werden müssen und schließlich eine Vorbildrolle wahrgenommen werden kann. Diese Vorbildrolle kann motivierend wirken, mit der Bewältigung der eigenen Schwierigkeiten zu beginnen.
Im Seminar "Einführung in die Beratungstechnik Peer Counseling" erhalten die TeilnehmerInnen grundlegende Techniken vermittelt. Es wird der Zusammenhang zwischen der Selbstbestimmt Leben Bewegung, der Beratungstechnik und dem Kampf für Menschenrechte aufgezeigt.
Peer Counseling wurde somit ein integraler Bestandteil der Selbstbestimmt-Leben Bewegung, um Strategien herauszufinden und weiterzuentwickeln, die ihren Zielen von Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung entsprachen.
Peer Counseling (Beratung von Betroffenen für Betroffene) wird häufig als die päda-gogische Methode der Selbstbestimmt Leben Bewegung behinderter Menschen bezeichnet. Grundgedanke des Peer Counseling ist, behinderte Ratsuchende zu unterstützen, eigene Problemlösungen zu entwickeln, und sie in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken. Dadurch dass der Berater/ die Beraterin selbst behindert ist, kann sich eine größere Vertrauensbasis entwickeln und eine Vorbildrolle wahrgenommen werden. Diese Modellrolle kann sich bei den behinderten Ratsuchenden sehr motivierend auf die Inangriffnahme der eigenen Probleme auswirken. Durch den Kontakt mit behinderten BeraterInnen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie sie selbst, ist es behinderten Ratsuchenden möglich, ihre Probleme nicht nur als individuelle Schwierigkeiten, sondern als gesellschaftliche Probleme zu betrachten, die auch auf politischer Ebene angegangen werden müssen.
Im Folgenden wird die Methode des Peer Counseling konkreter vorgestellt:
Zuerst einmal bedeutet Peer Counseling aktives Zuhören und die Fähigkeit der Problemlösung einzusetzen, um Menschen zu unterstützen, die einander ähnlich sind. Der Ausdruck „Peer Counseling" bezieht sich zum einen auf bestimmte Techniken und zum anderen auf einen speziellen Zugang zu den Problemen und Herausforderungen ähnlich betroffener Menschen. Erst die Verbindung dieser beiden Aspekte macht das Peer Counseling aus.
Dem „Peer Counseling„ liegt die Annahme zugrunde, dass Menschen in der Regel selbst dazu in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen, um ihre Ziele zu erreichen. Die Tatsache, dass die Beraterin mit der Ratsuchenden gleichgestellt ist, ermöglicht eine Basis für Kontakt, die nie durch Erklärungen erreicht werden könnte. Die gemeinsame Lebenserfahrung begünstigt die Entwicklung einer entspannten Atmosphäre und einen direkten Austausch. Dieser wird außerdem durch die Gewissheit verstärkt, dass von dem, was während der Sitzung gesagt und getan wird, nichts nach außen dringen wird.
Gleichzeitig wird die Gleichberechtigung beider Personen oder, bei Gruppensitzungen, aller Gruppenmitglieder angestrebt. Obwohl BeraterIn und Ratsuchende/r während der Sitzung unterschiedliche Rollen haben, teilen sie bestimmte Lebenserfahrungen, die sie zu gleichberechtigten PartnerInnen machen, PartnerInnen, die „Seite an Seite" in einem Prozess zusammenarbeiten.
„Peer" kann sein, wer gleichaltrig ist, wer denselben (kulturellen) Hintergrund hat, wer in einer ähnlichen Situation wie die Ratsuchende ist. In unserem Zusammenhang heißen solche Menschen „Peer", die zu ihrer Behinderung stehen und die somit bewusst auf eine gemeinsame Lebenserfahrung zurückgreifen können, nämlich die, mit einer Behinderung in derselben Gesellschaft zu leben.
Allen Techniken, die beim Peer Counseling eingesetzt werden, seien es Dialoge, Körperarbeit, Problemlösung u.a., ist gemeinsam, dass sie die Ratsuchenden bei dem Prozess unterstützen, sich selbst besser kennenzulernen, sich selbst zu erfahren, eigene Quellen der Kreativität zu erschließen und eigene Gefühle, Wünsche und körperliche Bedürfnisse wahrzunehmen.
Der ratsuchende Mensch ist die Hauptperson, um die es in der Beratung geht. Entscheidungen über die Dauer des Prozesses und über die Zielrichtung werden von ihm getroffen. Mit anderen Worten: Die ratsuchende Person trägt die Verantwortung dafür, das Beste aus der Peer Counseling-Beratung zu machen.
Peer Counseling kann und wird unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen und in verschiedenen Formen durchgeführt. Allen Angeboten ist gemeinsam, dass sie die vorher genannten zentralen Bestandteile von Peer Counseling beinhalten. Beim Peer Counseling gibt es keine strengen Vorschriften über die Anzahl der Sitzungen, über die Anzahl der Jahre, die jemand beraten wird, über die Zahl der Teilnehmerinnen einer Gruppe oder über die Zahl der BeraterInnen, die aufgesucht werden etc... Entscheidend ist das, was die Ratsuchende braucht.
Je größer das Engagement und je klarer das Anliegen der ratsuchenden Person ist, umso effektiver werden die Beratungssitzungen. Klarheit erhöht das Engagement. Deshalb ist es bei der Arbeit mit Gruppen fast immer notwendig, im voraus eine bestimmte Anzahl Sitzungen zu vereinbaren. Dieses gilt auch für Einzelsitzungen.
Weil die Ratsuchenden Zeit brauchen, um die Erfahrungen einer Beratung zu verdauen, oder Teile ihrer Pläne durchzuführen, ist es wichtig, angemessene Zeitabstände zwischen den Sitzungen einzuplanen. Themenzentrierte Gruppen sollten sich einmal wöchentlich treffen, damit die Kontinuität nicht unterbrochen wird.
Eine Einzelsitzung dauert in der Regel ca. eine Stunde. Die zeitliche Begrenzung der Sitzung sollte mit den Ratsuchenden abgesprochen werden.
Zur Zusammensetzung der Gruppe von Ratsuchenden und BeraterInnen ist folgendes anzumerken: Es gibt unendlich viele unterschiedliche Behinderungsarten, leider aber gibt es nicht unendlich viele Peer CounselorInnen. Es ist klar, dass die Zusammenarbeit umso befriedigender verläuft, je mehr Gemeinsamkeiten zwischen Ratsuchenden und Beraterinnen vorhanden sind. Es wäre z.B. völlig unsinnig, eine gehörlose BeraterIn für eine Gruppe blinder Ratsuchender zu engagieren. Auf der anderen Seite ist es jedoch nicht unbedingt notwendig, dass BeraterIn und Ratsuchende/r die gleiche Behinderung haben. Oft ist es ausreichend, dass beide über ähnliche Erfahrungen damit verfügen, wie die nichtbehinderte Umwelt mit behinderten Menschen umgeht.
Die grundlegenden Techniken und Phasen des Peer Counseling sind folgende:
1. aktives Zuhören und Problemdiagnose
2. Problemlösung
3. Planung weiteren Vorgehens
4. persönliches Wachsen
Die Techniken des Peer Counseling werden in dem Buch „Zukunftsweisend„(1) sehr ausführlich beschrieben.
Der Einsatz kreativer Methoden in der Beratungsarbeit
In der Beratungspraxis hat sich herausgestellt, dass die ehrenamtlichen und auch die hauptamtlichen Beraterinnen häufig mit behinderten Ratsuchenden zu tun haben, die sich nur schwer verbal ausdrücken können. Oft liegen Sprachprobleme vor oder die ratsuchenden Menschen haben Probleme, ihre Anliegen in Worte zu fassen. Es ist wichtig, dass die Beraterin in einer solchen Situation in der Lage ist, auf andere, nonverbale und kreative Methoden der Verständigung zurückzugreifen.
Der Einsatz kreativer Methoden in der Beratungsarbeit ist darüber hinaus generell sehr sinnvoll, um sich einem Thema auf andere Art als durch Reden zu nähern. In der Arbeit mit kreativen Methoden werden alle Sinneskanäle angesprochen. Die Ratsuchende kann sich als ganzheitliches, als sinnliches Wesen erfahren. Sie erlebt wie vielfältig ihre Empfindungen und ihre Ausdrucksmöglichkeiten sind. Außerdem erfährt sie, dass Sprache als emotionale Ausdrucksform eine wesentlich geringere Bedeutung hat, als ihr häufig zugeschrieben wird. Vielleicht ist es auch der sinnliche Aspekt dieser Arbeit, der für behinderte Frauen noch wichtiger ist als für Nichtbehinderte, da gerade sie sehr um die Akzeptanz ihrer Sinnlichkeit in der Gesellschaft kämpfen müssen. Die verschiedenen kreativen Methoden in der Arbeit mit behinderten Menschen werden von Müller-Lottes ausführlich beschrieben (2).
Die Beratung in den Zentren für selbstbestimmtes Leben ist neben der politischen Arbeit unverzichtbarer Teil der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung behinderter Menschen. Das Peer Counseling als Beratung von Behinderten für Behinderte wird als pädagogische Methode der Independent-Living-Bewegung bezeichnet. Auf der politischen Ebene ist die Durchsetzung und Schaffung einer Vielzahl von Möglichkeiten Voraussetzung für Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Auf der individuellen Ebene hat das Peer Counseling den Sinn, das Treffen von Entscheidungen, die Auswahl aus den verschiedenen Möglichkeiten zu unterstützen und zu begleiten (soweit diese Möglichkeiten vorhanden sind; wenn sie nicht vorhanden sind, bietet das wiederum den Einstieg in die politische Arbeit). Dabei stehen im Peer Counseling nicht die Defizite aufgrund der Behinderung, sondern unsere Fähigkeiten im Vordergrund. Nicht ein isoliertes Problem muß Thema der Beratung sein, Bezug genommen werden kann auf die Person und die Lebenssituation als Gesamtheit.
Ziel der Unterstützung im Peer Counseling ist, Ratsuchenden die Fähigkeit zu vermitteln, eigene Probleme und Schwierigkeiten selbst lösen zu können. In den USA wird das mit dem Begriff "Empowerment" bezeichnet und kann, nicht ganz so treffend, mit "Ermächtigung" übersetzt werden. Daß Peer Counseling nun etwas mit Psychotherapie zu tun haben kann, klingt zunächst einmal widersprüchlich. Haben der Hokuspokus auf der Couch oder abgehobene Psychoworkshops überhaupt etwas mit Selbstbestimmung zu tun und stehen sie nicht im Widerspruch zu den politischen Absichten der Behindertenbewegung (Stichwort: Individualisierung). Wo liegt der Bezug zwischen dem Abtrainieren unerwünschter Verhaltensweisen und dem emanzipatorischen Charakter der Behindertenbewegung? Nun sind Psychotherapiemethoden so vielfältig und unterschiedlich wie es Kopfschmerzmedikamente gibt, mit dem Unterschied, daß über die Wirkung der verschiedenen Therapiemethoden noch heftig geforscht und gestritten wird.
Die US-amerikanischen Wurzeln des Peer Counseling sind von einen starken "grass-roots"- Ansatz her geprägt. Stellt Euch vor, wir sind mitten in den 60ern und zwei behinderte Studis an einer kalifornischen Universität treffen sich und jedeR gibt dem bzw. der anderen genau eine Stunde Zeit zum Reden, über die Erfahrungen beim Studium, die Schwierigkeiten mit der Assistenz, den alltäglichen Diskriminierungen und dem, wie er/sie sich dabei fühlt. Der oder die andere beschränkt sich darauf, lediglich zuzuhören. Nach einer Stunde wechseln die Rollen, wieder eine Stunde reden und zuhören. So oder ähnlich entstand Peer Counseling. Zum Teil haben sich die beiden das bei den gerade entstandenen Frauen- oder Schwulengruppen abgeschaut, ein Stück weit ist auch der Ansatz der Anonymen Alkoholiker und anderer Selbsthilfegruppen und deren Vorgehen bei den Meetings zu spüren.
Ein paar Jahre später, beide haben ihr Studium beendet, gründen sie ein Center for Independent Living (CIL). Hier können sie Informationen weitergeben, politische Arbeit leisten und in der Beratung ein Stück ihres Wissens aus dem Studium anwenden. An US-amerikanischen Hochschulen ist es nicht unüblich, praxisnah in Beratung (Counseling) ausgebildet zu werden. Grundlage ist dabei oft die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers aus der Kiste der humanistischen Psychotherapieformen. Die Ausbildung in der Beratungstechnik nach Rogers läßt sich vom Zeitaufwand her gut in die begrenzte Zeitdauer eines Studiums integrieren. Die humanistischen Therapieformen haben eine Nähe zu der Philosophie der Independent-Living-Bewegung. So geht die Theorie der humanistischen Therapieformen von einem grundsätzlich positiven Menschenbild aus und nimmt an, daß jedeR KlientIn selbst über das Potential zur Lösung eigener Schwierigkeiten verfügt. Aufgabe in der Therapie ist es, eine fördernde, angenehme und empathische Atmosphäre zu schaffen, in der die Ressourcen gestärkt werden und wie in einem Gewächshaus ertragreich wachsen können.
Was also lag näher, Gesprächführungstechniken nach Rogers wie aktives Zuhören, Paraphrasieren (Zusammenfassen), Spiegeln von Gefühlen etc. als Elemente in das Peer Counseling einzufügen. Daß für Peer Counselors die therapeutischen Grundhaltungen Akzeptanz, Echtheit und Empathie hilfreich sind, ist naheliegend.
Die Beratung in den Zentren hierzulande ist von diesen Einflüssen nicht unberührt. Zum einen gab es direkte Kontakte zur US-amerikanischen Independent-Living-Bewegung, sei es, daß MitarbeiterInnen aus den CILs nach Europa zu Seminaren und Workshops kamen, sei es, daß AktivistInnen aus unseren Reihen Praktika, Studienaufenthalte etc. in den USA absolvierten.
Selbst dort, wo das amerikanische Peer Counseling vor Ort keine starken Spuren hinterlassen hat, sehe ich eine Nähe zu dem Paradigma humanistischer Psychotherapieformen und die daraus resultierende Anwendung entsprechender Methoden. Dies läßt sich wiederum aus der Ähnlichkeit der zugrunde liegenden Philosophie der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und der nondirektiven, nicht autoritär, sondern emanzipativ ausgerichteten Gesprächspsychotherapie erklären. Ein Anzeichen für diese Überschneidung sehe ich darin, daß einige BeraterInnen aus den Zentren an Ausbildungen in Gesprächspsychotherapie teilnehmen. Auch in der gerade stattfindenden ersten bundesweiten Weiterbildung zum Peer Counselor von bifos wurden Bezüge zu den therapeutischen Grundhaltungen Akzeptanz, Echtheit und Empathie genommen.
Ist Peer Counseling damit einfach nur die Anwendung von Rogers Therapiemethoden durch behinderte BeraterInnen? Das grundlegend Andere ist meiner Meinung nach, daß wir unsere eigene persönliche Erfahrung als Behinderte in die Beratung mit einbeziehen. Dieser Anspruch steht im Gegensatz zu der in der Psychotherapie geforderten und als notwendig angesehenen professionellen Distanz. Dadurch entsteht im Peer Counseling ein Konflikt zwischen motivierender Nähe und notwendiger Distanz zum Peer als Counselee. Dieses Dilemma erzeugt Spannung, ist aber auch das kreative Moment im Peer Counseling und gibt uns damit mehr Möglichkeiten, als dies in der Beratung durch nichtbehinderte ExpertInnen der Fall ist.
Die Beratung ist von Zentrum zu Zentrum dadurch unterschiedlich geprägt, daß verschiedene Personen mit ihrem individuellen Hintergrund an Erfahrung und Ausbildung das Beratungsangebot vor Ort prägen. Es gibt zwar viele HochschulabsolventInnen aus dem pädagogisch-psychologischen Bereich, die in den Zentren arbeiten, aber eben nicht nur aus diesem Bereich. Genauso wenig ist ein Hochschulstudium Voraussetzung für die Tätigkeit als Peer Counselor. Ebenso nehmen nicht alle BeraterInnen an Weiterbildungen in Gesprächspsychotherapie teil, auch analytische und systemisch-familientherapeutische Ansätze werden angewendet. Problematisch ist auch, daß die therapeutischen Grundhaltungen Akzeptanz, Echtheit und Empathie zu unspezifisch sind, sie treffen letztlich in gleicher Weise für den Waschmaschinenverkäufer bei Hertie zu.
Wichtig erscheint mir, eine Vielfalt zu erhalten und zu ermöglichen, aus der wir im Peer Counseling schöpfen können und mit der wir schöpferisch umgehen können. Selbst der Einsatz von vordergründig als autoritär und direktiv erscheinenden Methoden der Verhaltenstherapie können auf dem Weg eines emanzipatorischen Prozesses denkbar und sinnvoll sein. Ziel des Peer Counseling soll die Unterstützung zu einer selbstbestimmten Lebensführung sein. Als grundlegendes Prinzip liegt daher nahe, die Ratsuchenden dort abzuholen, wo sie gerade sind und nicht durch ideologisch begründete Erwartungen zu überfordern.
Die Diskussion zu den Grundlagen und der Weiterentwicklung des Peer Counseling sehe ich als eine der wichtigen Aufgaben des im letzten Jahr gegründeten Forums behinderter BeraterInnen der ISL an. (Anmerkung vom 26.10.99: Inzwischen hat sich daraus der Berufsverband Peer Counseling - BVP e.V. entwickelt).
(* Zitat nach Carl Rogers)
Skizze für ein
Selbsthilfeprojekt der Stiftung LEBENSNERV:
Curriculumentwicklung - Pilotkurs - Öffentlichkeitsarbeit
Die Stiftung LEBENSNERV wurde 1991 als psychosomatisch orientierte Selbsthilfeorganisation im Bereich der MS-Forschung von zwei MS-betroffenen Frauen gegründet. Die mit 100.000 DM Grundkapital ausgestattete Stiftung mit Sitz in Berlin versteht sich als Anschub- und Koordinationsstelle, die die psychosomatische Forschung bei MS vorantreibt und die ganzheitliche Sicht der Erkrankung an MS sowie die Eigenverantwortung der Betroffenen fördert. Die drei Leitgedanken der Stiftung sind demgemäß „Selbsthilfe“ – „Ganzheitlichkeit“ – „Eigenverantwortung“.
Der Stiftungszweck von LEBENSNERV wird insbesondere verwirklicht durchDie Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, und trotz intensiver Forschung ist die Ursache der MS immer noch unbekannt. In der BRD sind etwa 120.000 Personen von MS betroffen. Zu etwa 40 Prozent sind MS-Betroffene auf Hilfsmittel wie Stützen, Rollstuhl, etc. angewiesen. Der Verlauf der MS ist unvorhersehbar. Die Krankheit verläuft manchmal gleichmäßig fortschreitend (= progredient), meist aber in Schüben, die sich zu Beginn der Krankheit zeitweilig zurückbilden. Die körperliche Seite der Erkrankung wird bislang mit großem Aufwand erforscht, den psychischen Fragestellungen wird jedoch bislang zu wenig nachgegangen.
Aus der Literatur ist bekannt, dass die Diagnosemitteilung und der Verlauf einer Multiplen Sklerose tiefe Spuren in der Lebensgeschichte der Betroffenen hinterlassen. Häufig führen die Symptome dieser bisher unheilbaren chronischen Erkrankung zum Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben, zu Selbstwertproblemen und Resignation, da die gesamte Identität der Betroffenen erschüttert wird. Obwohl niemand diese Tatsache bezweifelt, werden die Betroffenen mit ihren Angehörigen und FreundInnen doch weitgehend alleine gelassen.
Der „Peer-Counseling-Ansatz“Ein Angebot an psychischer Unterstützung, das diesen Tendenzen erfolgreich entgegenwirken könnte, wird bisher kaum vorgehalten. Und dort, wo es vorhanden ist, erfolgt die Unterstützung durch nichtbetroffene Fachleute, meist NeurologInnen, PsychiaterInnen, PsychotherapeutInnen oder SozialarbeiterInnen. Dieser traditionelle Ansatz hat jedoch seine Grenzen, da er von vielen MS-Betroffenen als bevormundend, von oben herab oder zu medizinisch orientiert erlebt wird. Abhilfe kann in diesem Falle die ergänzende Unterstützungsform des "Peer-Counseling" (Betroffene beraten Betroffene) bringen. Der Begriff "Peer-Counseling" stammt aus der weltweiten "Independent Living - Bewegung" behinderter Menschen, die für Selbstbestimmung, Selbsthilfe und Eigenverantwortung eintreten. Hier sind die BeraterInnen "peers", "Gleiche", also Menschen, die ähnliches erlebt haben wie ihre GesprächspartnerInnen.
Bei der gemeinsamen Suche nach einem besseren Weg mit der Krankheit bringen die betroffenen BeraterInnen ihre eigenen Erfahrungen mit ein: ihre Mühen und Ängste, aber auch ihr Selbstvertrauen und ihren Mut. Es ist unseres Erachtens nicht unbedingt notwendig, dass bei allen Beraterinnen und Beratern die gleiche medizinische Diagnose gestellt worden ist, sondern es kommt entscheidend auf das gemeinsame Merkmal der eigenen Behinderung bzw. chronischen Erkrankung an. Das Ziel des "Peer- Counseling" ist, behinderte Ratsuchende in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken und sie in ihrem Selbsthilfepotenzial zu unterstützen, eigene Problemlösungen zu entwickeln. Dadurch, dass der Berater oder die Beraterin zum einen selber behindert oder chronisch krank ist, zum anderen zusätzlich die fachliche Qualifikation als BeraterIn mitbringt, kann sich eine größere Vertrauensbasis entwickeln und eine Vorbildrolle wahrgenommen werden.
„Peer-Counseling“ bei LEBENSNERVIn Umsetzung dieser Überlegungen hat die Stiftung LEBENSNERV von Februar 1999 bis Ende Juni 2001 eine behinderte Gestalttherapeutin, Monika Maraun, beschäftigt, die nach dem Modell des "Peer-Counseling" Beratung für MS-Betroffene in Berlin und Umgebung angeboten hat. Die Beratung fand kostenlos in den Räumen der Fürst Donnersmarck-Stiftung statt.
Die Beschäftigung von Monika Maraun wurde mit degressiven Zuschüssen durch das Arbeitsamt gefördert. Die restlichen Mittel zur Bezahlung der Lohnkosten sowie begleitender Kosten, wie Telefon, Porto, Supervision und Beiträge zur Berufsgenossenschaft wurden durch die finanzielle Unterstützung der „Stiftung für Bildung und Behindertenförderung“, der Stiftung „Arbeit für Behinderte“ des Landes Berlin sowie durch die „Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranke MSK e.V.“ unterstützt. Ende Juni 2001 erhielt Monika Maraun das Angebot der Fürst Donnersmarck-Stiftung, als „Peer-Counselorin“ in deren neuen Abteilung „Freizeit, Bildung und Beratung“ auf Basis einer unbefristeten Stelle zu arbeiten.
Das Angebot zur „lebensbegleitenden Beratung“ der Stiftung LEBENSNERV stieß von Beginn an auf große Nachfrage. So konnten in diesem Zeitraum 12 Ratsuchende in 569 Beratungsstunden in wöchentlichen Abständen eine kontinuierliche Prozessbegleitung wahrnehmen. Weitere 24 Frauen und Männer ließen sich auf eine Warteliste eintragen, obwohl die Beratungsprozesse oft sehr langwierig sind.
Die Schwerpunkte der Beratungsarbeit lagen vornehmlich in der Förderung des selbstbestimmten Lebens, der Auseinandersetzung mit der Behinderung, Krankheitsverarbeitung, Beratung in familiären und beruflichen Konfliktsituationen, Erkunden von Kraftquellen, Entspannungsübungen, Bewusstwerden von angesammelten Aggressionen, Trauer und Enttäuschungen und deren Ausdruck zur Entlastung. Die Arbeit bezog sich vornehmlich auf das „Hier und Jetzt“ und die Erfahrungen sollten in den Alltag integriert werden.
Gerade der Aspekt der Beratung auf „Peer-Counseling-Basis“ wurde und wird immer wieder als sehr wichtig von den MS-betroffenen Ratsuchenden eingeschätzt. Demnach ist der aktuelle Bedarf sehr groß - aus der gesamten Bundesrepublik erreichten Monika Maraun und die Stiftung LEBENSNERV Anfragen nach vergleichbaren Angeboten in anderen Regionen. Leider musste bisher immer abgesagt werden – der Siftung LEBENSNERV sind keine weiteren selbst betroffenen BeraterInnen bekannt, die diesen lebensbegleitenden, psychischen Beratungsbedarf abdecken können.
Aufbau auf bestehenden AngebotenEs gibt seit einigen Jahren Projekte der Interessenvertetung Selbstbestimmt Leben in Deutschland – ISL e.V., in denen bereits „Peer-CounselerInnen“ geschult werden. Hierbei handelt sich um eine breit angelegte, allgemeine Weiterbildung mit den Schwerpunkten Hilfsmittelberatung, Sozialrecht, Arbeitsvermittlung. Eine Weiterbildung, die Kompetenz in tiefergehender und lebensbegleitender Beratung, mit dem Schwerpunkt der psychischen Begleitung vermittelt, könnte das bestehende Angebot der ISL e.V. sinnvoll ergänzen. Gerade bei MS-Betroffenen, die sich bei einem schubförmigen oder chronisch progredienten, niemals aber vorhersagbaren Krankheitsverlauf mit sich ständig verändernden Gegebenheiten auseinandersetzen müssen, ist eine solche Begleitung unverzichtbar. Die bestehenden MS-Beratungsstellen beschäftigen zwar professionelle Kräfte, diese sind jedoch meist selber nicht behindert/chronisch krank und ihr Beratungsschwerpunkt liegt bei medizinischen Fragen.
Es ist demnach erforderlich, in Form eines Selbsthilfeprojektes ein Weiterbildungsangebot in lebensbegleitender Beratung für MS-Betroffene auf „Peer-Counseling“-Basis zu schaffen. Auf Basis dieses Weiterbildungsangebotes können dann kontinuierlich behinderte oder chronisch kranke BeraterInnen geschult werden.
Das Selbsthilfeprojekt der Stiftung LEBENSNERV soll zunächst in zwei Phasen durchgeführt werden: In der ersten Phase wird die „Peer-Beratungs-Arbeit“ von Monika Maraun der Jahre 1999-2001 ausgewertet sowie eine Literatur zu der Thematik recherchiert und zusammengestellt. Auf eine, ExpertInnen-Workshop werden die Erfahrungen in diesem Bereich zusammengetragen und Fragen wie die Auswahl der zu Schulenden oder Inhalte der Schulungen diskutiert. Auf Basis der Auswertung der stattgefundenen Beratungsarbeit, der Literaturrecherche und der Diskussion in dem ExpertInnen-Workshop wird dann ein Curriculum für ein Weiterbildungskonzept erarbeitet. In der zweiten Phase wird ein Pilotweiterbildungskurs durchgeführt, um das erarbeitete Curriculum zu erproben. Gegebenenfalls wird es überarbeitet. Durch gezielte Pressearbeit wird das endgültige Curriculum bekannt gemacht, damit auch andere Verbände chronisch kranker Menschen davon profitieren und Menschen in ihren Reihen zu BeraterInnen schulen können. Die Stiftung LEBENSNERV wird nach Projektabschluss Sponsoren für weitere Schulungen suchen, um langfristig ein Beratungsnetz in der gesamten Bundesrepublik aufbauen zu können.
Phase 1: Curriculumentwicklung (15.12.2002 – 14.12.2003)In der ersten Phase wird ein Curriculum für die Weiterbildung in lebensbegleitender Beratung auf der Basis des „Peer Counseling“ entwickelt. Dazu erfolgen nachstehende Schritte:
In dieser Phase werden zehn TeilnehmerInnen in der lebensbegleitenden Beratung von MS-Betroffenen weitergebildet. Die Weiterbildung findet in zwölf Wochenendseminaren und mit Fernstudienanteilen über zwei Jahre verteilt statt. Die TeilnehmerInnen tragen die Reisekosten selbst und beteiligen sich mit einem Eigenanteil an den Kosten. Unter Umständen wird das Curriculum überarbeitet. Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit wird das Curriculum anschließend einer breiten Öffentlichkeit auf dem Behinderten-Selbsthilfebereich bekannt gemacht. Dazu sind folgende Schritte notwendig:
Die genaue Definition der Zielgruppe der Weiterbildung wird ein Hauptgegenstand des Curriculum-Workshops sein. Es ist denkbar, dass es sich z.B. um therapieerfahrene behinderte und/oder chronisch kranke Personen handeln kann, „Peer-CounselorInnen“ aus Selbsthilfeorganisationen mit Interesse an Fortbildung in Beratungskompetenz mit Selbsterfahrungsanteilen, o.ä. Nach Abschluss der Weiterbildung erhalten die TeilnehmerInnen ein Zertifikat. Dieses Zertifikat soll auch dazu dienen, bislang arbeitslosen behinderten oder chronisch kranken TeilnehmerInnen einen besseren beruflichen Wiedereinstieg in eine beratende Tätigkeit (festangestellt oder auf Honorarbasis) bei einer Behindertenorganisation, einer MS-Beratungsstelle, einer Klinik, etc. zu ermöglichen.
Während des gesamten Projektzeitraums wird das Projekt durch einen fünfköpfigen Projektbeirat begleitet. Diesem gehören an:
Bettina André, Dipl.-Sozialpädagogin/-arbeiterin, Jurymitglied der Stiftung LEBENSNERV, MS-betroffenDer Projektbeirat begleitet das Projekt und kontrolliert, ob die gesteckten Ziele erreicht werden. Dazu trifft er sich einmal jährlich mit den Projektverantwortlichen persönlich und hält zwischenzeitlich über Telefonkonferenzen, schriftlich und per e-mail Kontakt.
Der Projektbeirat wird von den Projektverantwortlichen laufend über die Fortschritte des Projekts informiert.
* erarbeitet von Uschi Marquardt, Regina Reichert und Petra Stephan (Berliner Zentrum für selbstbestimmtes Leben – BZSL, Februar 2003)
In Deutschland gibt es seit mehr als 20 Jahren eine emanzipatorische Behindertenbewegung, die sich immer mehr organisiert hat. Mit der Gründung des Bundesverbandes ISL - Interessenvertretung “Selbstbestimmt Leben“ Behinderter in Deutschland im Oktober 1990 wurde eine Basis der Selbstvertretung Behinderter geschaffen, deren Einfluß auf die Gesundheits- und Sozialpolitik sowie auf das Bild behinderter Menschen in der Gesellschaft stetig wächst.
Die Initiatorinnen und Initiatoren der ISL, die bereits seit vielen Jahren am Aufbau einer emanzipatorischen Behindertenarbeit beteiligt waren, wollten eine Interessenvertretung ins Leben rufen, die den Grundsätzen und Zielen der internationalen “Independent Living“-Bewegung entspricht. Independent Living ist eine Bürgerrechtsbewegung behinderter Menschen, die sich gegen Diskriminierung wendet und sich im Rahmen politischer Interessenvertretung für Chancengleichheit einsetzt. Sie fordert mehr Selbstbestimmung in allen persönlichen Bereichen und im gesellschaftlichen Leben (z.B. Schule, Ausbildung, Beruf) sowie eine politische Entscheidungsbefugnis für behinderte Menschen.
In den 80er und 90er Jahren gründeten sich in Deutschland zunehmend “Zentren für Selbstbestimmtes Leben“, die ratsuchenden behinderten Menschen ein Forum für ihre Interessen und Nöte anboten. Der flächendeckende Aufbau und die Absicherung dieser Anlauf- und Beratungsstellen sowie die Förderung weiterer Initiativen ist erklärtes Ziel der ISL. Seit 1986 wird in den Zentren eine Beratung und Begleitung im Sinne des “Peer Counseling“ durch behinderte BeraterInnen durchgeführt. Diese Beratung stellt ein unabhängiges, ganzheitliches, ermächtigendes Hilfsangebot im Sinne der behinderten Ratsuchenden dar, um ein Leben in mehr Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Würde führen zu können.
Zum siebten Mal bietet nun das ISL-nahe Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter, “bifos e.V.“ die Weiterbildung für behinderte Menschen in “Peer Counseling ISL“ an. Die Erfahrungen aus den vorangegangenen Durchgängen haben zu erheblichen Weiterentwicklungen organisatorischer und inhaltlicher Art geführt. Das Ziel der Weiterbildung ist jedoch gleich geblieben: Das natürliche Interesse der TeilnehmerInnen, ihre Erfahrungen als Behinderte anderen Behinderten weiterzugeben, wird mit der Kenntnis von Theorien und Methoden verschiedener Beratungskonzepte sowie mit Selbsterfahrung verwoben.
Die Weiterbildung zur “Peer CounselorIn ISL“ erfolgt nach den folgenden Richtlinien vom November 1997.
Sie befähigt zur Durchführung von Beratung und Begleitung behinderter Menschen im Sinne des Peer Counseling.
Sie besteht aus mehreren Wochen-Blöcken und Wochenendseminaren, verteilt über mindestens 1 Jahr.
Die Weiterbildung soll dazu befähigen, die Beratung und Begleitung behinderter Menschen im Sinne des Peer Counseling durchführen zu können. Dies beinhaltet im besonderen, parteilich, d.h. im Sinne des/der Ratsuchenden, vorzugehen und sich bei der Beratung nicht an eigenen Vorstellungen und/oder unerfüllt gebliebenen Zielen zu orientieren.
Die Ziele der Weiterbildung lassen sich folgendermaßen kennzeichnen:Im Kontext mit den Weiterbildungszielen findet in den Heimatregionen der TeilnehmerInnen ein vierwöchiges Praktikum bei einem Tourismusanbieter statt. Die TeilnehmerInnen organisieren sich ihren Praktikumsplatz selbständig. In besonderen Fällen kann auf die Unterstützung durch die AusbilderInnen zurückgegriffen werden. Das Praktikum beginnt frühestens nach dem dritten Seminar und endet vor Beginn des letzten Seminars. Die TeilnehmerInnen weisen das Praktikum durch eine Teilnahmebestätigung mit einer kurzen Praktikumsbeschreibung nach.
Es besteht die Möglichkeit anhand von Veranstaltungen (z.B. Tourismus-Messen, Reiseorganisation und -begleitungen o.ä.) oder konkreten Projekten praxisorientiert zu arbeiten und dies für das Praktikum anerkannt zu bekommen.
1.Da Kommunikations- und Kontaktfähigkeit eine der wichtigsten Fähigkeiten für die spätere Arbeit der TeilnehmerInnen sein wird (Beratung, Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungsorganisation, Vernetzung), haben die Schulung und Übung von Gesprächs- und Beratungstechniken, sowie das Verfassen von Texten (neben der Vermittlung von Inhalten) eine zentrale Bedeutung. Jede/r TeilnehmerIn muss während der Weiterbildung mindestens einmal bei einem Rollenspiel, Interview, Telefonkontakt, Vortrag oder Pressemitteilung mitgewirkt haben.
2.Ein Grundwissen über den allgemeinen und speziellen touristischen Bereich dient als Basis, um sowohl gegenüber Fachleuten aus der Tourismusbranche, als auch in der Beratung für behinderte Reisende als kompetentes Gegenüber auftreten zu können.
3.Kenntnisse über technische Möglichkeiten zur Unterstützung und Überwindung von Barrieren, DIN-Normen und Wissen über öffentliche Verkehrsmittel sind wichtigstes Rüstzeug für die praktische Beratung sowohl der behinderten Kunden als auch für Touristiker.
4.Durch das Erlernen von Techniken zur Erhebung touristischer Objekte (Gebäude, Städte, Regionen) und deren Anwendung bei praktischen Übungen wird den TeilnehmerInnen Handlungskompetenz gegenüber ihren Kunden vermittelt.